Sagenwege: Gemeinde Owingen

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Sagenhaftes Owingen – Geschichten, die weiterleben

Im Bürgerforum der Gemeinde Owingen wurde ein Wunsch laut: Die alten Sagen unserer Heimat sollten nicht länger nur in Büchern schlummern, sondern erlebbar gemacht und der Öffentlichkeit zugänglich werden. Anlässlich des Jubiläumsjahres 2025 machte sich ein engagiertes Team auf den Weg, diesen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen.

Unter der Leitung von Hauptamtsleiterin Adelheid Hug entstand ein außergewöhnliches Projekt, das Tradition und Moderne verbindet. Jana von Eisenhart-Rothe übernahm die Organisation und verantwortete die grafische Gestaltung der Tafeln. Die literarische und historische Aufbereitung übernahm Dr. Angelika Thiel, die die Hintergründe recherchierte und moderne Fassungen der Sagen erstellte – abrufbar über QR-Codes auf den Tafeln. Für die poetische Note sorgte Gisela Munz-Schmidt, die die Sagen zusätzlich in Versform brachte. Karl Stehle begleitete das Vorhaben als fachkundiger Berater.

Die Umsetzung sah für jeden Ortsteil zwei Sagentafeln vor – platziert an ausgewählten Wegen in der Natur. Es war nicht immer leicht, passende Standorte zu finden und alle Genehmigungen einzuholen, doch das Ergebnis kann sich sehen lassen: ein sagenhafter Spaziergang durch unsere Geschichte.

Die Grundlage für viele dieser Erzählungen bildet das Werk des Überlinger Arztes und Museumsgründers Dr. Theodor Lachmann, der 1909 das Buch „Sagen und Bräuche am Überlinger See“ veröffentlichte. Darin hielt er fest, was ihm die Menschen der Region überliefert hatten – lebendige Erinnerungen an eine Zeit, in der Geschichten oft mehr erklärten als Fakten.

Entdecken Sie unter den folgenden Slideblocks die Sagen unserer Ortsteile – und lassen Sie sich mitnehmen in eine Welt zwischen Geschichte und Legende.

Der bodenlose Brunnen in Billafingen

Sage in Versform

Auf einer Wiese, an dieser Stelle, 
entsprang vorzeiten eine Brunnenquelle.
Auch wenn man Eimer hinunter ließ,
man niemals auf den Grund vorstieß.
Einst herrschte Krieg, die Feinde stahlen.
Die Menschen erlitten Verluste und Qualen.
Daher wollten sie in dem Brunnenbecken
ihre heilige Kirchenglocke verstecken.
Doch später, als die Not überwunden,
wurde die  Glocke nicht mehr gefunden,
sie war einfach in der Tiefe verschwunden.
Also war die Enttäuschung groß
so wie der Brunnen, bodenlos.

Gisela Munz-Schmidt

 

Sage im Originaltext

Etwa zwei Stunden nordwestlich von Überlingen liegt das ehemals Frhr. v. Schreckenstein`sche Dorf Billafingen. Auf der Westseite des Ortes befindet sich im Wiesengelände eine Quelle, deren Wasserbecken ungefähr 1 Meter Durchmesser hat. Senkrecht empor aus der Tiefe quillt die Quelle. Noch niemals soll man auf den Grund gestoßen sein, weshalb die Quelle „bodenloser Brunnen“ heißt. Die alten Leute erzählen, daß dereinst zu Kriegszeiten die Kirchenglocke in diesen Born versenkt worden, um sie vor dem Feinde zu retten; sie wurde aber nie mehr aufgefunden. (Mündlich.)

Theodor Lachmann

 

Moderne Fassung

In Billafingen, so erzählt uns Theodor Lachmann, befindet sich eine alte Quelle, so unendlich tief, „daß dereinst zu Kriegszeiten die Kirchenglocke in diesen Born versenkt worden, um sie vor den Feinden zu retten; sie wurde aber nie mehr aufgefunden.“

Die Worte sind spärlich, nur ein Satz verweist ganz nebenbei, nüchtern und fast unauffällig, auf einen Krieg. Es gab viele Kriege in Deutschland. Welcher ist gemeint?

Eine andere Sage Lachmanns - „Die versenkte Glocke in Illmensee“ - hilft uns weiter:

„Im Kirchturm von Illmensee befand sich vor dem Schwedenkrieg eine große herrliche Glocke, welche aus dem feinsten Metall gegossen war, so daß sie einen prachtvollen Ton hatte und man ihre feierlichen Klänge weit in der Runde vernehmen konnte. Als nun die Schweden ins Land kamen, war man sehr besorgt, die kostbare Glocke würde von ihnen weggeführt werden. Daher wurde der Beschluß gefaßt, die Glocke vom Turm herabzuholen und im Illmensee zu verbergen; in ruhigern Zeiten könnte man sie dann wieder an ihre Stelle zurückbringen. Der Beschluß wurde ausgeführt und die Glocke in den See versenkt. Die Schweden erfuhren nichts von der versenkten Glocke; sie blieben jedoch länger im Lande, als man gedacht; viele Leute starben darüber hin, und als man nach dem Abzug der Schweden die Glocke wieder auf den Turm bringen wollte, lebte Niemand mehr, der die Stelle im See wußte, und Schriftliches war darüber auch nichts vorhanden. So mußte man sich mit den geringeren Glocken behelfen.“

Die Geschichte ist damit noch nicht zu Ende. Denn die Glocke läutete ganz schwach im Illmensee, so dass ein „fahrender Schüler“, vielleicht ein Student oder ein Kleriker, auf sie aufmerksam wurde. Er bot den Illmenseern an, gemeinsam mit 30 starken Männern die Glocke zu bergen. Aber - wie bei jeder Schatzsuche - man durfte während der Arbeit kein Wort sprechen. Doch als die Glocke schon zur Hälfte aus dem Wasser herausgezogen worden war, schlug es vom Turm 12 Uhr. Einer der Männer forderte aus Freude über die erfolgreiche Aktion die anderen laut zum Dankesgebet auf. „Während dieser Rede aber sank plötzlich die Glocke wieder in die Tiefe hinab und konnte bis auf den heutigen Tag nicht wieder gefunden werden. Nur Nachts hört man bisweilen wundervolle Töne und Klänge, die aus den Fluten des Sees emporsteigen.“

Sicherlich wollten auch die Billafinger auf die gleiche Weise ihre Kirchenglocke vor den Schweden schützen. Ein Bild des entsetzlichen Dreißigjährigen Krieges zeichnet der Heimatforscher Dr. Adolf Futterer 1934 in seinem Buch „Die Geschichte des Dorfes und des Kirchspiels Billafingen im Linzgau. Ein Heimatbuch mit Bildern“:

Begonnen hatte der Krieg als Religionskrieg zwischen protestantischen und katholischen Fürsten. Fast waren die Protestanten besiegt, als die Schweden ihnen zu Hilfe kamen. „Am 16. Mai [1632] kamen die ersten Schweden nach Ravensburg. Schon am 19. Mai eilte ein kaiserlicher Heereshaufen, 4000 Mann zu Fuß und 500 zu Pferd, von Stockach her durch unser Tal ihnen entgegen. Sie übernachteten bei Owingen.“ Ein Jahr später wiederholt sich dies: „Am 13. Juli 1633 zogen wieder kaiserliche Truppen vom Elsaß her durch unser Tal. Diese hausten sehr übel, schnitten, da sie keine Fütterung fanden, das Korn auf dem Felde ab und zehrten alle Vorräte auf, die von den schwedischen Einfällen noch übriggeblieben waren.“

Am 5. September 1633 „trafen 100 Salemische und Überlinger Dragoner in der Kirche zu Pfaffenhofen [Owingen] eine Anzahl Schweden, die in den dorthin versteckten Kisten plünderten; 9 Schweden fielen.“ 

Nachdem sich die Überlinger 1634 gegen eine Belagerung behaupten konnten, zündeten die Feinde „alle Kapellen, Kirchen, Höfe, Schlösser und Dörfer der ganzen Umgebung“ an. „Arg wüteten die Schweden in Pfaffenhofen-Owingen. Dort wurden [...] durch Mord die Kirche entweiht, das Allerheiligste zerbrochen, die Altäre zerstört, die Kirche schwer geschädigt. Die vier Glocken hatten sie schon während der Belagerung geraubt und nach Überlingen geschleppt, um daraus Geschosse zu gießen.“

Futterer fährt fort: „Etwas besser als Owingen scheint Billafingen weggekommen zu sein. Aber es war noch schlimm genug. Wohl bei dieser Gelegenheit wurde die Bekrönung des Turmes heruntergeschossen, die zwei Glocken, sowie alle kirchlichen Paramente und Gefäße geraubt, die Kirche entweiht.“

Zwei Drittel der Billafinger waren geflohen. „Kein Pferd war mehr vorhanden.“ Die Felder waren öde und leer. Er herrschte „eine Not und Armut, daß es zum Verzweifeln war. 1636 kam die große Hungersnot und hernach die Pest, die jahrlang wütete und die wenigen Einwohner noch hinwegraffte. Zudem ging am 25. Juli 1638 ein furchtbares Hagelwetter über Sipplingen, Seelfingen und Billafingen nieder.“ Es gab Brot aus Eicheln, Hanfsamen, Baumrinde, man aß Schnecken, Ross- und Maikäfer, Nesseln und Gras, Hunde und Katzen. Doch die Truppendurchzüge hörten nicht auf. Einer der entsetzlichsten Kriege in Deutschland sollte noch zehn Jahre gehen. 1934 schreibt Adolf Futter über die St.-Mauritius-Kapelle, die 2024 renoviert wurde: „Heute sieht man auf dem Kirchturm im Geschoß unter den Glocken an einem zugemauerten Fenster noch ein leicht vermauertes Loch, von dem alte Leute erzählten, daß es von den Schweden herrühre, die den Kirchturm beschossen hätten. Eine 26 Pfund schwere Kanonenkugel aus der Schwedenzeit mit einem Durchmesser von 14 cm liegt noch auf dem Turm; sie wurde früher als Pendel für die alte Turmuhr benützt.“

Furchtbares haben die Menschen im Dreißigjährigen Krieg erlebt. Es erweckt den Eindruck, als ob der Erzähler der Billafinger Sage nicht mehr als nötig an diese entsetzliche Zeit denken mag. Der Krieg ist eine Randbemerkung, eine Marginalie im letzten Satz. Die Geschichte scheint fast nur den Sinn zu haben, die unendliche Tiefe der Quelle zu veranschaulichen. Selbst eine Glocke verschwindet darin spurlos. 

Doch wo mag wohl die Quelle sein, der endlose Brunnen, in dem man die Glocke versenkt hatte? Dr. Adolf Futterer erwähnt eine Flur mit dem Namen „Brunnenbühl“. Er schreibt: „Ein neuerer Name, der heute nicht nur den eigentlichen Brunnenbühl mit seinen Äckern (Wiesen) bezeichnet, sondern auch den dahinterliegenden Bergwald. Der eigentliche Brunnenbühl hieß früher der Insbrunnenacker 1544, bei dem Ynnsprunnen 1532, unter dem Eysbrunnen 1581. Daselbst Quelle, deren Wasser in die beiden Dorfbrunnen geleitet wurden.“ Sie speiste gleich zwei Brunnen: „Wohl schon im Mittelalter gab es zwei Gemeindebrunnen, von denen der eine beim Adler bereits 1448 erwähnt wird. Sie lieferten damals schon fließendes Wasser, das von einer Quelle auf dem Brunnenbühl hergeleitet wurde, die im 16. Jahrhundert Insbrunnen, später Eisbrunnen hieß.“ Der obere Brunnen befand sich beim Gemeindeplatz, „wo ehedem unter der Linde die Gerichtsverhandlungen stattfanden, wo aber auch manche Übeltäter und noch mehr Übeltäterinnen an den Pranger gestellt wurden.“

Sprudelt hier im Brunnenbühl die bodenlose Quelle? Gefunden hat man dort vor einiger Zeit auf alle Fälle Gefäßreste. Die Keramikscherben stammen aus der Stein- bis Bronzezeit, und sie werden auf ein Alter von circa 5 500 bis 3 000 Jahren datiert.

Und wenn sich der bodenlose Brunnen dort doch nicht findet ... - Theodor Lachmann gibt uns einen Tipp, wo wir suchen müssen: irgendwo auf der Westseite des Dorfes in einem Wiesengelände.

Vielleicht in der Nähe des Heinz-Sielmann-Weihers?

Wenn Sie mehr über Theodor Lachmann und die Literaturgattung „Sage“ erfahren möchten, dann fahren Sie nach Taisersdorf zur Teufelsküche in der Linzer Aach.

© 2025 Dr. Angelika Thiel. Alle Rechte vorbehalten.

 

Wegen leichterer Lesbarkeit wurde auf Fußnoten verzichtet. Die Quellenangaben sind in der Reihenfolge der Zitate aufgelistet.

Quellen:

  1. Lachmann, Theodor: Überlinger Sagen, Bräuche und Sitten mit geschichtlichen Erläuterungen. Ein Beitrag zur Volkskunde der badischen Seegegend. Konstanz 1909
  2. Futterer, Dr. Adolf: Die Geschichte des Dorfes und des Kirchspiels Billafingen im Linzgau. Ein Heimatbuch mit Bildern. Selbstverlag des Verfassers. 1934
  3. Edelstein, Vera: Kleine Krümel – große Geschichte. Tonscherben als Puzzlestück der Geschichte Billafingens und Umgebung. In: Schöbel, Gunter (Hrsg.): Ein museologisches Experiment. 23+. Orte, Funde & Geschichten – Archäologie im Bodenseekreis. Eine Ausstellung von Studierenden der Universität Tübingen in Kooperation mit dem Pfahlbaumuseum in Unteruhldingen. Schriftenreihe des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen, Band 11. Unteruhldingen und Tübingen 2016
  4. Auch bei Leander Petzoldt findet sich eine Sage über „Die versenkten Glocken“: „Zur Zeit, als die Franzosen in unser Heimatland einfielen, befanden sich in der Kirche von Hoch-Krumbach zwei silberne Glöcklein. Um diese vor der Raubgier der Franzosen zu sichern, wurde nach einer Beratung allgemein beschlossen, dieselben in den Körbersee zu versenken. Da dies sogleich vollführt wurde, konnte den Franzosen eine reiche Beute entzogen werden. Die Glocken waren später trotz aller Bemühungen von seiten der Einwohner von Hoch-Krumbach nicht mehr zu finden, da sie im Schlamme versunken waren.“ Petzoldt, Leander (Hg.): Sagen aus Vorarlberg. München 1994, S. 116 f.

Zur Wanderung: https://www.owingen.de/tourismus-freizeit-kultur/sport-spiel-grillplaetze/wandern#/article/a062bf9f-f34e-4bd3-a659-773d88976549

Der wüste Tanz auf der Zwingenburg bei Billafingen

Sage in Versform

Einst herrschte hier Gewalt, es herrschte Zwang.
Des Nachts Geheul, Geschrei
aus Graus und Lust vom Schloss ins Dorf herdrang.
Die Herren sich an den Mägden vergingen,
sie wollten sie zur Liebe zwingen,
und manche Braut hat die erste Nacht
auf diesem Schandschloss zugebracht.
Nach einem schrecklich wüsten Tanz
versank das Schloss in der Tiefe ganz.
Oder ging es in Flammen auf?
Das Schicksal nahm den gerechten Lauf.

Gisela Munz-Schmidt

 

Sage im Originaltext - Die Zwingenburg bei Billafingen

Ungefähr anderthalb Stunden landeinwärts von Überlingen zieht sich fast parallel mit dem Überlingersee das fruchtbare Billafinger Tal hin, zu beiden Seiten von hohen Bergzügen eingerahmt. Der südliche Bergzug ist mit dichtem Tannenwald besetzt, aus dem westlich vom Dorf Billafingen ein runder Hügel hervorschaut, welcher von einem Erdwall umgeben ist, der steil gegen die Talseite abfällt. Es ist dies ein sogen. „Ringwall“, eine „Völkerburg“, und heißt wie das ganze Gewann „Zwingenburg“.

Nach den Erzählungen des Volkes stand auf diesem Hügel dereinst ein Schloß, dessen Besitzer, die „Zwingherren“, einen sehr üppigen, ausgelassenen Lebenswandel führten. Sie bedrückten ihre Untertanen aufs Schändlichste; auch kein Mädchen war vor ihnen sicher: die Bräute des Tales mußten vor ihrer Hochzeit jeweils vier Wochen lang auf der Burg zubringen. Der letzte der Zwingherren trieb es noch am Schlimmsten; seine Gräueltaten machten ihn überall verhaßt. Um deshalb seine Wege zu verbergen, ließ er sein Reitpferd verkehrt beschlagen, sodaß, wenn er weggeritten, man glauben mußte, er sei heimgekehrt, und wenn er nach Hause gekommen, die Spuren nach auswärts führten. Auf seiner Burg hielt er oft unsittliche Tanzbelustigungen. Das Maß seiner Laster war aber nun voll. Als am Weihnachtstage seine Frau in die Kirche nach dem benachbarten Billafingen gegangen, war bei ihrer Rückkehr das Schloß spurlos verschwunden. Die wenigen Bewohner, die sich noch zu flüchten gewußt, erzählten der Schloßherrin: während des Gottesdienstes habe der Herr mit dem Dienstmädchen einen ganz schamlosen Tanz aufgeführt und da sei die Burg in die Tiefe versunken. Auch ein Kind war noch gerettet worden, da es die Wärterin in einem irdenen Topf hatte den Berg hinab rollen lassen.

Andere erzählen dagegen den Untergang des Schlosses folgendermaßen: An einem Sonntage ward während des Vormittagsgottesdienstes bei lustiger Musik ein unsittlicher Ball in der Burg gehalten. Da ereilte die Frevler die gerechte Strafe. Der Himmel verfinsterte sich, schwarze Wolken zogen sich zusammen, ein heftiges Gewitter mit schrecklichem Blitz und Donner brach plötzlich los und ein Blitzstrahl traf das Schloß, welches mit Mann und Maus niederbrannte. Die Großmutter wohnte gerade dem Gottesdienst in Billafingen bei; da kam der Schloßhund, welcher sich losgerissen, mit der Kette zu ihr in die Kirche und die Greisin wußte nun das Schicksal der Burg. 

Von einem Gebäude finden sich jedoch auf dem Bühl keine Reste, nur lose Steine liegen umher; ebensowenig sind irgendwo Brandspuren zu entdecken. Dunkle Tannen bedecken den Berg und zahlreiche Fuchslöcher schauen an den Abhängen vor und zeigen, daß der ganze Hügel unterminiert ist. Die Leute aber behaupten, daß diese Verließe weit unter der Erde hingehen und einen Schatz bergen. Noch jetzt suchen am Karfreitag bisweilen Knaben hier nach Geld und sollen solches schon gefunden haben. Auch der Großvater des benachbarten Hofbauern soll hier einst Goldmünzen in großer Menge gefunden haben und sei dadurch reich geworden. Einst gingen Kinder auf die Zwingenburg und sahen erstaunt unter einer Tanne einen ganzen Haufen „Zugören“ (Röhrenknochen von Schafen, Ziegen, welche zum Befestigen der Zugstränge am Roßkummet dienen). Sie erzählten dies zu Haus, worauf ihr Vater auf den Berg ging, aber nirgends war mehr etwas zu sehen. Hätten die Kinder die Nadeln gleich mitgenommen, so hätten sie viel Gold nach Hause gebracht.

Ein andermal besuchten Knaben die Zwingenburg und sahen ein glänzendes Kegelspiel samt Kugeln daliegen, sie setzten die Kegel auf und kugelten nach Herzenslust; plötzlich aber rollten Kegel und Kugeln den Abhang hinab und waren nicht mehr zu finden. Zu Hause erfuhren die Buben, daß es ein goldenes Kegelspiel gewesen.

Vor mehreren Jahren begaben sich einige Männer aus dem Tal auf die Zwingenburg, um den Schatz zu heben. Beim Graben stießen sie auf eine eiserne Kiste und wollten sie eben herausnehmen, da sagte einer der Schatzgräber: „Schau! da springt eine Haselmaus herüber!“ Auf dieses versank plötzlich die Kiste, denn beim Schatzgraben darf kein Wort gesprochen werden. Eine Stimme aber ließ sich vernehmen: „Der Schatz ist nun soweit hinabgesunken, als das Billafinger Tal tief ist.“ Jetzt liefen die Schatzgräber erschrocken davon und ließen sich nie mehr zum Weitergraben herbei.

Bisweilen sieht man am Fuße des Berges einen schwarzen Mann umherwandeln.

An Weihnachten soll schon öfters während des Vormittags-Gottesdienstes Tanzmusik von der Zwingenburg herabgetönt haben. (Mündlich.)

Theodor Lachmann

 

Moderne Fassung

1890 veröffentlichte Theodor Lachmann die Sage „Die Zwingenburg bei Billafingen“. Nur fünf Jahre später erschien in England ein Roman, der weltberühmt werden sollte: Herbert George Wells` „Die Zeitmaschine“. Dieses Werk bildete Jahrzehnte später die Basis für den gleichnamigen Film mit Rod Taylor in der Hauptrolle. Unvergesslich sind die Szenen, in denen der Held in seinem Gefährt sitzt und zukünftige Jahrhunderte, Jahrtausende, Jahrmillionen an ihm vorbeiziehen. Wenn es ihm gefällt, hält er die Maschine an, um sich in einer fremden Ära umzuschauen.

Wie reizvoll ist der Gedanke, eine solche Zeitmaschine oberhalb von Billafingen auf dem Meisenberg aufzustellen, um auf der Anhöhe gegenüber und im Tal das Leben der Kelten, der Römer, der Alemannen, der Franken zu beobachten.

Wir fliegen 5 000 Jahre zurück und beobachten die ersten Siedler irgendwann zwischen der Stein- und der Bronzezeit bei ihrer Arbeit am Brunnenbühl, sehen sie Keramikgefäße herstellen, sehen, wie diese Krüge im Laufe der Zeit wieder verfallen. Vielleicht sind auch sie es, die die Schutzwälle beim Eisbrunnen erbaut haben. Möglicherweise begegnen wir hier Jahrhunderte später den „Kühnen“, den „Tapferen“, den Keltoi, wie die Griechen sie bezeichnet haben, besser bekannt unter dem Namen „Kelten“. Wir bekommen mit, wie die Römer mit ihrem Alpenfeldzug 15 vor Christus die keltischen Stämme der Vindeliker am Bodensee besiegen, wir schauen zu, wie sie Wege, Kastelle und Wachtürme bauen, um das eroberte, nur dünn besiedelte Gebiet zu sichern. Wir hören, wie Karren laut über die frisch gepflasterte Straße der Römer durch das Billafinger Tal rumpeln. Vielleicht nach Hohenbodman; denn: „So ein kleines Kastell oder ein Wachtturm dürfte auf Hohenbodman am Platze der späteren Burg gestanden haben“, vermutet der Billafinger Heimatforscher Dr. Adolf Futterer. 

In unserer Zeitmaschine erleben wir mit, wie die Präsenz der Römer 200 Jahre währt und wie dann vom Norden her ein anderes Volk heranstürmt: die Alemannen. Nun ereilt die Römer das gleiche Schicksal wie zuvor die Kelten. Der Zeitmesser an unserer Maschine informiert uns, dass die Alemannen 260 Jahre die Bodenseeregion in ihrer Hand halten. Wir beobachten sie dabei, wie sie ihre Felder bestellen, wie sie für ihre Kleidung Garn spinnen, wie sie Körbe flechten, Schafe und Ziegen melken in ihren Dörfern, deren Namen auf -ingen enden. Wenn wir das Jahr 289 einstellen und danach das Jahr 378, erfahren wir, wie Soldaten unter dem römischen Kaiser Diokletian die Grenze wieder nach Norden verschieben und unter Kaiser Flavius Gratianus nochmals gegen die Alemannen vorgehen.

Stopp, stopp, stopp. Wann erwachsen denn aus dem Dunst der Zeit die Mauern der Zwingenburg? Wann fügen sich Zinnen, Tore, Schießscharten in Sekunden zu einem Bollwerk zusammen?

Okay, okay, steigen wir aus unserer Zeitmaschine aus und lassen Adolf Futterer in seinem ausführlichen Werk über die „Geschichte von Billafingen“ zu Wort kommen:

„In diesen verschiedenen Kämpfen mag auch der vorgeschichtliche Ringwall auf der Zwingenburg wieder eine Rolle gespielt haben als Fliehburg und Schutzplatz der Alemannen, worauf sie ihre Habe und das kriegsuntüchtige Volk bargen. Vielleicht haben sie von hier aus die Feinde bezwungen und zurückgeworfen, weswegen der Name ´Zwingenburg` dem Berge gegeben sein möchte“, vermutet Adolf Futterer.

Er fährt fort: „In jener Zeit, vielleicht schon ums Jahr 300, wurde auch unser Billafingen gegründet. Ein Linzgauer Alemanne namens Bühlwolf, den wir uns als einen kühnen, mutigen Draufgänger im Kampf mit den Römern, gleichsam als einen Wolf bei Eroberung dieses Berglandes (Bühle) vorzustellen haben (vgl. Zwingenburg!), hat Grund und Boden an diesem durch die Römerstraße zugänglichen, zum Teil schon gerodeten und angebauten Tale gewählt.“

Kurt Schrem allerdings ergänzt: „Eine kontinuierliche Besiedlung des Gebiets ausgehend von den Kelten (Vindelikern) über die Römer (Galloromanen) bis zu den Alamannen (über die Lentienser zu den Siedlern im 6. Jahrhundert) ist höchst unwahrscheinlich.“ Die dauerhafte Besiedlung des nördlichen Bodenseegebiets durch Germanen begann seiner Meinung nach vermutlich erst Mitte des 6. Jahrhunderts: „Einfache Bauern besiedelten das Land.“ 

Kurz zuvor, im Jahre 496, waren die Alemannen von den Franken besiegt worden. Ihr Land wurde nun in Gaue unterteilt, die von fränkischen Grafen verwaltet wurden. Am Bodensee wurden diese Gaue nach Flüssen benannt. Von Alberweiler bis nach Uhldingen schlängelte sich in vielen Windungen der Bach „Lentia“, das keltische Wort für „biegen“. Besser bekannt ist er unter dem Namen „Linzer Aach“. Und so erhielt das Gebiet zwischen dem heutigen Überlingen, Pfullendorf, der Schussen und Bodensee die Bezeichnung „Linzgau“, erstmals erwähnt am 20. März 771. Eine andere Deutung ist, dass der Alemannen-Stamm der Letienser Pate für den Namen stand.

Doch es sollte noch fast ein halbes Jahrtausend dauern, bis unsere Zwingenburg bei Billafingen erbaut wird, nämlich in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts oder im 12. Jahrhundert. Erwähnt wird sie 1504. In Wikipedia ist zu lesen, dass die Zwingenburg eine abgegangene Höhenburg war. Von der ehemaligen Burganlage auf einem Burghügelplateau von etwa 53 mal 12 bis 14 Metern seien nur noch der Burghügel, der Graben und Wallreste erhalten. Skeptischer sieht dies Futterer 1934: „War nie eine Burg, sondern nur vorgeschichtliche Erdbefestigung.“ Er verweist auf einen Ringwall und bezeichnet die Anlage als „eine vorgeschichtliche Volksburg“. Lachmanns Sage beruhe eher auf Phantasie denn auf der Realität, da „nirgends eine Spur von einer Burg zu finden“ sei.

Sei` s drum, Lachmanns „Zwingenburg bei Billafingen“ ist eine unterhaltsame Geschichte. Aber keine schöne.

Zergliedert man die Sage, die sich ähnlich noch ein zweites Mal, nämlich im „Schloßbühl von Nesselwangen“ findet, so besteht sie aus fast einem Dutzend Untergeschichten, zum Beispiel:

  1. Ein kleines Kind wird durch seine Wärterin gerettet, indem sie es in einem Topf den Berg hinunterkullern lässt Hier haben wir eine starke Parallele zur berühmten Sage von der „Treuen Amme von Bodman“.
  2. Kinder finden unter einer Tanne „Zugören“; sie erkennen aber nicht den wahren Wert dieser Nadeln und verpassen dadurch eine große Chance auf Gold. 
  3. Jungs entdecken bei der Zwingenburg ein goldenes Kegelspiel, das sie jedoch verlieren.
  4. Männer suchen auf dem Berg erfolgreich nach dem Schatz; aber da sie dabei sprechen, verschwindet er in der Tiefe (siehe auch den Text über „Die versenkte Glocke in Illmensee“ zur Sage „Der bodenlose Brunnen“).
  5. Bisweilen sieht man am Fuße des Berges einen schwarzen Mann umhergeistern, für gewöhnlich der Teufel höchstpersönlich.

Teufel waren auch die “Zwingherren“ der Burg, sie waren Sadisten und Vergewaltiger. „Sie bedrückten ihre Untertanen aufs Schändlichste; auch kein Mädchen war vor ihnen sicher: die Bräute des Tales mußten vor ihrer Hochzeit jeweils vier Wochen lang auf der Burg zubringen.“ Eigenartig: vier Wochen, also ein Zeitraum, in dem die jungen Frauen mit großer Wahrscheinlichkeit von den Zwingherren geschwängert werden können. Sie werden dem zukünftigen Ehemann der Braut ein Kuckucksei in das Nest legen.

Dabei hat diese Sage kein Alleinstellungsmerkmal. Es gibt sie auch in unseren Nachbarländern, beispielsweise in der Schweiz:

„Auf der Burg wohnten Zwingherren. Die Bewohner der Umgebung mussten ihnen so hohe Abgaben entrichten, dass sie selber fast nicht mehr leben konnten. Dazu hatte von jedem neuvermählten Pärchen die Frau für drei Nächte in die Burg zu gehen. Das wurde den Leuten schliesslich doch zu bunt, so dass sie die Burg belagerten und endlich nach langer, langer Zeit einnahmen.“

Oder in Österreich:

Die Volksüberlieferung erzählt von Zwingherren, welche im Montafoner Valkastiel, der „geheimnisumwittertsten Burg Vorarlbergs“, gehaust „und die Bevölkerung drangsaliert und unterdrückt haben sollen. Besondere Erwähnung findet das ´jus primae noctis` in den Volkssagen – das Anrecht des Burgherrn auf die erste Nacht mit einer Frischvermählten – wobei es sich nach Ansicht von Fachleuten um eine Rechtslegende handelt, für die keine Belege existieren.  In einer Sage jedoch heißt es, ´dass bei jeder Hochzeit im Dorf die Braut noch am gleichen Tag ins Schloss geführt werden musste. Dort konnte der Zwingherr acht Tage lang nach Belieben über sie verfügen, dann wurde sie wieder entlassen. Deshalb wurde in jenen Zeiten das Heiraten oft jahrelang verschoben, und manche Mädchen unterließen es lieber ganz`“.

Und im schweizerisch-italienischen Grenzgebiet:

„In diesem Turm sollen vier oder fünf Zwingherren gewohnt haben. Ihnen mussten die Natischer für die ersten sechs Nächte die jungverheirateten Frauen abgeben. Da schlossen sich endlich die Familien Gasser, Schmid und Ruppen zusammen und verheirateten zwölf Paare. Diese erschlugen vier der Herren und flohen am Abend über den Simplon. Sie gründeten das Dorf Ornavasso.“

Bereits 1890 veröffentlichte Theodor Lachmann die Wandersage über die Zwingherren in der „Alemannia“, der „Zeitschrift für Sprache, Litteratur und Volkskunde des Elsaszes, Oberrheins und Schwabens “. Im Vorwort zur Buchausgabe schreibt der Mediziner, dass er hat „hie und da ein derbes Wort durchgehen lassen, eben weil ich die Sprache des Volkes treu und unverfälscht zum Ausdruck bringen wollte.“ Doch ganz so locker sieht er dies später nicht mehr; denn die Veröffentlichungen von 1890 und 1909 unterscheiden sich an vier Stellen. 1890 schreibt Lachmann noch:

„Sie bedrückten ire Untertanen aufs Schändlichste, und stellten namentlich den Weibern nach. Kein Mädchen war vor inen sicher“. Im Buch hat er die „Weiber“ komplett gestrichen. Der Darstellung „Auf seiner Burg hielt er oft nakte Bälle“ stehen 1909 „unsittliche Tanzbelustigungen“ gegenüber. 1890 hat „der Herr mit dem Dienstmädchen in ganz entblößtem Zustand einen Tanz aufgefürt“, 1909 „einen ganz schamlosen Tanz aufgeführt“. Und last but not least wird 1890 „ein nakter Ball in der Burg gehalten“, während es sich 1909 um einen unsittlichen Ball handelt.

Noch eine zweite Wandersage beinhaltet „Die Zwingenburg bei Billafingen“, nämlich die Ereignisse um das goldene Kegelspiel. Solche Kegelspiele erwähnt Lachmann beispielsweise auch in seinen Geschichten „Der gespenstische Hase und das goldene Kegelspiel am Fürstenbühl bei Höllsteig“, „Das Ritterfräulein von Hohbodman“, „Das weiße Fräulein im alten Schloß zu Markdorf“ und „Das goldene Kegelspiel im Abtsberg“. Es muss sich also um ein wichtiges, beliebtes Motiv handeln.

In der Tat gibt es die Schatzsage vom goldenen Kegelspiel nicht nur in Deutschland. Doch besonders häufig wird sie im Bodenseeraum und in den Alpen erzählt. Für gewöhnlich liegt das Kegelspiel irgendwo unter der Erde, in einem Hügel, in einem Berg, unter einer Burg - so wie in Hohenbodman oder beim Abtsberg zwischen Süßenmühle und Sipplingen: „Nachts aber hört man manchmal, wie im Berg Kegel gespielt wird; das Rollen der Kugeln und das Fallen der Kegel wird mitunter ganz deutlich wahrgenommen.“ Ein Zufall, dass der Dichter Ludwig Finckh (1876 - 1964) die Hegau-Vulkane als „Herrgotts Kegelspiel“ bezeichnet?       

„Im Volksglauben ist das Spiel mit den Kegeln allgemein ein Bild für das Gewitter“, schreibt der Autor des Wikipedia-Eintrages über das „Goldene Kegelspiel“. Wenn der Blitz zischt und der Donner poltert, rollt und grollt, dann kegeln irgendwo am Himmel spielfreudige Wesen: 

„Bis heute ist nicht erklärt, warum die Sage vom Kegelspiel zur Schatzsage wurde und warum dieses Motiv so häufig auftritt. Das Kegeln in seiner heutigen Form (mit seiner Gewittergeräuschkulisse) entsprang erst dem späten Mittelalter. [...] Schatzsagen beziehen sich jedoch im Allgemeinen auf Orte, die bereits vor dem Mittelalter ihre ursprüngliche Bedeutung verloren haben. Hinter der Sage vom goldenen Kegelspiel scheint somit ein unbekanntes älteres Schatzmotiv zu stehen, das ersetzt oder verdrängt wurde.“

„Die Zwingenburg bei Billafingen“ ist also nicht nur eine Wandergeschichte, sondern beinhaltet auch gleich mehrere Schatzsagen: „Einst gingen Kinder auf die Zwingenburg und sahen erstaunt unter einer Tanne einen ganzen Haufen ´Zugören` (Röhrenknochen von Schafen, Ziegen, welche zum Befestigen der Zugstränge am Roßkummet dienen). Sie erzählten dies zu Haus, worauf ihr Vater auf den Berg ging, aber nirgends war mehr etwas zu sehen. Hätten die Kinder die Nadeln gleich mitgenommen, so hätten sie viel Gold nach Hause gebracht.“ Was für ein ungewöhnlicher Ausdruck: „Zugören“.

Ein Druckfehler?

In der Ausgabe von 1976 schreiben die Autoren:

„Einst gingen Kinder auf die Zwingenburg und sahen erstaunt unter einer Tanne einen ganzen Haufen ´Zugröhren`, das sind Röhrenknochen von Schafen und Ziegen, die dazu dienen, Zugstränge am Roßkummet zu befestigen. Das erzählten sie zu Hause, worauf der Vater auf den Berg ging. Aber nirgends war mehr etwas zu sehen. Hätten die Kinder, so sagt man, die Knochen gleich mitgenommen, so hätten sie viel Geld heimgebracht.“ 

Meint Lachmann wirklich „Zugröhren“, die er als Nadeln bezeichnet? Auch in der „Alemannia“-Ausgabe von 1890 schreibt er von Zugören. Doch die Rechtschreibung wurde 1909 angepasst. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Druckfehler nicht sorgfältig korrigiert worden wäre:

„Einst giengen Kinder auf die Zwingenburg und sahen erstaunt unter einer Tanne einen ganzen Haufen ´Zugören` (Röhrenknochen von Schafen, Zigen, welche zum Befestigen der Zugstränge am Rosskummet dienen). Sie erzälten diß zu Haus, worauf ir Vater auf den Berg gieng, aber nirgends war mer Etwas zu sehen. Hätten die Kinder die Nadeln gleich mitgenommen, so hätten sie vil Geld nach Hause gebracht.“

Nach dem Grimmschen Wörterbuch ist „ören“ ein Verb und bedeutet „ähren“, „pflügen“: Als Sprachbeispiel wird genannt „zu acker faren und das feld ören“.

Egal. Belassen wir es damit. Auf zum bodenlosen Brunnen.  

© 2025 Dr. Angelika Thiel. Alle Rechte vorbehalten.

 

Wegen leichterer Lesbarkeit wurde auf Fußnoten verzichtet. Die Quellenangaben sind in der Reihenfolge der Zitate aufgelistet.

Quellen: 

  1. Lachmann, Theodor: Überlinger Sagen, Bräuche und Sitten mit geschichtlichen Erläuterungen. Ein Beitrag zur Volkskunde der badischen Seegegend. Konstanz 1909
  2. Maier, Mathilde/Sättele, Karl: Sagen und Bräuche am Überlinger See von Theodor Lachmann. Weißenhorn 1976
  3. Schrem, Kurt: Der Linzgau und seine Bewohner in frühen schriftlichen Quellen. In: Pfullendorfer Heimatheft. Magazin des Heimat- und Museumsvereins e. V. Pfullendorf  (Hrsg.). Band 2, 2014, S. 1-31
  4. Futterer, Dr. Adolf: Die Geschichte des Dorfes und des Kirchspiels Billafingen im Linzgau. Ein Heimatbuch mit Bildern. 1934
  5. https://de.wikipedia.org/wiki/Burg_Zwingenburg [Lesezeitpunkt: 15. Januar 2025]
  6. Https://www.maerchenstiftung.ch/de/maerchen_aus_aller_welt/schweizer_maerchen_zum_lesen_und_vorlesen/maerchensuche/8291/zwingherren [Lesezeitpunkt: 15. Januar 2025]
  7. Https://www.vorarlberg.travel/poi/ruine-valkastiel/ [Lesezeitpunkt: 15. Januar 2025]
  8. Https://www.burgerschaft-naters.ch/liegenschaften/ornavassoturm-40 [Lesezeitpunkt: 15. Januar 2025]
  9. Auch in Leander Petzolds „Sagen aus Vorarlberg“ finden sich nicht nur Überlieferungen zum Thema „Ius primae noctis“, sondern auch der Trick, Hufeisen verkehrt anzubringen, um Verfolger in die Irre zu führen. Petzoldt, Leander (Hg.): Sagen aus Vorarlberg. München 1994, S. 82, S. 83, S. 109
  10. Lachmann, Theodor: Die Zwingenburg bei Billafingen. In: Alemannia. Zeitschrift für Sprache, Litteratur und Volkskunde des Elsaszes, Oberrheins und Schwabens. 18. Band. Bonn 1890, S. 179-181
  11. https://de.wikipedia.org/wiki/Goldenes_Kegelspiel [Lesezeitpunkt: 15. Januar 2025]
  12. Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm:
  13. https://www.dwds.de/wb/dwb/%C3%B6ren [Lesezeitpunkt: 15. Januar 2025]

Zur Wanderung: https://www.owingen.de/tourismus-freizeit-kultur/sport-spiel-grillplaetze/wandern#/article/a062bf9f-f34e-4bd3-a659-773d88976549

Der Schatz im Owinger Schloßbühl

Sage in Versform

Es streifte im Wald ein Jägersmann,
die schöne Natur hat´s ihm angetan.
Er dachte gerne an seine Lieben,
die damals wieder zu Hause blieben.
Ihm wurde bewusst, wie arm sie war,
seine große Kinderschar!
Er war sich sicher, Zapfen gefielen
seinen Kindern in neuen Spielen.
Also hat er Tannenzapfen mit heimgebracht,
und die Kinder haben vor Freude gelacht.
Der Jägersmann hat liebevoll gehandelt,
und die Zapfen wurden in Gold verwandelt.

Gisela Munz-Schmidt

Sage im Originaltext

Von Billafingen dehnt sich gegen Osten ein breites Tal aus, das von zwei mächtigen Höhenzügen eingeschlossen ist, deren südlicher bis in die Nähe des Dorfes Owingen mit einigen waldigen Bergkegeln reicht. Einer dieser Waldberge heißt „Schloßbühl“, denn auf seinem „Kapf“ (Gipfel) soll früher ein Schloß gestanden sein, in dem Raubritter gehaust. Jetzt ist nichts mehr davon zu sehen. Aber ein Schatz soll hier vergraben sein. Einst wollten einige Leute den Schatz heben; sie gruben und gruben, bis sie auf eine Kiste kamen, auf welcher eine schwarze Katze saß. Da sagte einer: „So, jetzt haben wir`s“  und plötzlich waren Kiste und Katze verschwunden. Sie hätten eben sollen kein Wort sprechen. Einmal sah ein Jägerbursche auf dem „Kapf“ sehr schöne Tannenzapfen liegen und nahm sie als Seltenheit zum Spiel für seine Kinder mit. Am anderen Tage waren die Tannenzapfen lauter Gold. (Mündlich.)

Theodor Lachmann

Moderne Fassung:

Als sich vor vielen Tausend Jahren während der Eiszeit Schmelzwasser von den Gletschern löste, veränderte dies im Laufe der Zeit die Landschaft. In den Abflussrinnen entstanden sogenannte Urstromtäler. Fast märchenhaft zieht sich ein solches Urstromtal von Owingen nach Billafingen. Rechts und links davon erheben sich Berghänge, von denen man eine wunderbare Aussicht hat. Die Bezeichnung „Bühl“ verweist auf einen Hügel nahe bei Owingen, auf dem im Mittelalter Ritter eine Burg errichtet hatten. 

In seinem Aufsatz „Der Schloßbühl von Owingen. Eine unbekannte Burgstelle im Linzgau“ berichtet der Autor Franz Bohnstedt, dass das Geschlecht der Ritter von Owingen nur kurze Zeit nachweisbar ist, nämlich etwa von 1207 bis 1273: „Mit dem Ritter Maingoz von Owingen verschwinden männliche Angehörige dieses Rittergeschlechts aus den Urkunden. Nur knapp 70 Jahre treten die von Owingen in den Urkunden auf, um dann, wie so viele Geschlechter des niederen Adels, mit dem Ausgang des 13. Jahrhunderts zu erlöschen oder in die Vergessenheit zu versinken.“ Der Überlinger Heimatforscher hält es für „sehr wahrscheinlich, daß auf der vorbeschriebenen Burgstelle, westlich vom Langdobel, im Forstgewann Eggen, die Burg der Ritter von Owingen gestanden hat. Nach dem Aussterben der Familie von Owingen im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts wird auch die Burg verlassen und dem allmählichen Verfall überlassen worden sein.“

Im Laufe der Zeit hatte die Ritterschaft an Bedeutung verloren. Viele Veränderungen in der Gesellschaft wie beispielsweise die Geldwirtschaft, neue Kriegstechnologien und Söldnerheere führten dazu, dass die Ritter verarmten und manche von ihnen Kaufleute überfielen. So erzählen es zumindest Geschichten ab dem 18. Jahrhundert. Erst ab diesem Zeitpunkt gibt es den Begriff des Raubrittertums.  

Und so sollen nachder Sage Theodor Lachmanns auch auf dem Schlossbühl früher Raubritter gehaust haben.Wer weiß: Vielleicht haben sie auf ihren Raubzügen wertvolles Gut gestohlen und hier vergraben, denn einst machten sich Leute auf den Weg, diesen Schatz zu suchen und zu bergen. Sie gruben und gruben und fanden in der tiefsten Tiefe eine Kiste, auf der eine schwarze Katze saß. „Wir haben ihn, wir haben ihn“, jubelten sie. Doch wie gewonnen, so zerronnen. Oder wie ein anderes Sprichwort sagt: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Die unnützen Worte vertrieben Kiste und Katz`. Der Schatz verschwand - doch nicht auf Nimmerwiedersehen. Denn Jahre später entdeckte ein Jäger an derselben Stelle wunderschöne Tannenzapfen. So schön, dass er seinen Kindern mit ihnen eine Freude bereiten wollte und sie als Spielzeug mit nach Hause nahm. Am nächsten Tag hatten sich die Zapfen in pures Gold verwandelt.

Gisela Munz-Schmidt fasst dies so schön in ihrem Gedicht zusammen: „Der Jägersmann hat liebevoll gehandelt, und die Zapfen wurden in Gold verwandelt.“ Ehrliche, uneigennützige Liebe zahlt sich aus. Das verdeutlicht auch eine andere Sage Lachmanns: „Goldene Blätter“. Hier ist es eine fromme Mutter, die ihren Kindern Nussbaumblätter zum Spielen mitbringt: „Je mehr sie gegen ihre Hütte kam, desto schwerer wurden die Blätter, und als sie dieselben zu Hause auf den Tisch leerte, waren es lauter alte Goldstücke.“

Mit dem „Schatz im Owinger Schloßbühl“ haben wir eine typische Schatzsage von vielen, wie sie vor allen Dingen zu Beginn der Neuzeit beliebt war. Der Schatz kann auftauchen und wieder verschwinden. Oft reicht schon ein einziges gesprochenes Wort, um den gefundenen Schatz zu verlieren. Eine ähnliche Sage wie in Owingen gibt es zur Burg Lichtenberg bei Kusel, der größten pfälzischen Burg. Auch dort ist ein Schatz vergraben, der vom Teufel in der Gestalt eines Hundes bewacht wird. In Owingen wird der Schatz von einer schwarzen Katze behütet, ebenfalls Symbol für den Teufel.

Burgen spielen in Theodor Lachmanns Sagen eine große Rolle. Mannigfaltig tauchen sie in seinem Werk auf. Kein Wunder, denn mittelalterliche Burgen faszinieren.

So schreibt Rudolf Koch in seiner Broschüre „Der Linzgau-Leuchtturm Hohenbodman“ über das 19. Jahrhundert: „In dieser Zeit wurde es schick, eine alte Burg zu besitzen und sie bewohnbar zu machen. Das sagenumwobene mittelalterliche Ritterwesen wurde als die gute alte Zeit angesehen. Überall wurde begonnen, die Bauten zu erforschen und auszugraben. Es war die Zeit der Burgenromantik.“

Vorausgegangen waren die Französische Revolution und nachfolgende Kriege. Die Menschen sehnten sich anständig, ehrenwert, rechtschaffen, moralisch integer, also „bieder“, nach Ruhe und Frieden: „Daraus folgte eine Flucht ins Private und in die Vergangenheit. Mystisches, Schauriges, Geheimnisvolles wurde gesucht“, unterstreicht Rudolf Koch. Das betont auch die Professorin Dr. Stefanie Lieb: „Mit den Burgmauern aus längst vergangenen Zeiten assoziierte man das geheimnisvoll sagenumwitterte Ritterwesen des Mittelalters“. Eine Sehnsucht, die in ihren Augen durchaus ernst zu nehmen ist: „Sie als versponnene Liebhaberei einiger Adliger, nostalgischer Landschaftsmaler oder rückwärtsgewandter Architekten abtun zu wollen, greift weitaus zu kurz.“

Am Bodensee sind die Burgstellen, die sich noch in Gewannnamen wie „Burgstall“ erkennen lassen, weitestgehend verschwunden.

Aber es besteht Hoffnung: Im Dezember 2024 hat die Universität Tübingen die Einrichtung eines Burgenforschungszentrums beschlossen, das auch Grabungen durchführen wird. Viele Burgen sind nach den Worten der Universität noch gänzlich unerforscht oder noch nicht im Gelände dokumentiert. „Im Mittelalter“, so informierte das Land Baden-Württemberg, „war die Region in über 50 Grafschaften und Herrschaftsgebiete unterteilt, sodass sich ein bunter Teppich aus Niederadelsburgen bildete. Bis heute haben sich von den über 3.000 Burgen mehr als 340 erhalten und lassen sich besichtigen. Im Tal der Donau befindet sich eine der größten Burgendichten Europas.“

Wer weiß: Vielleicht erhebt sich in Owingen auf diese Weise wieder die eine oder andere Burg.

© 2025 Dr. Angelika Thiel. Alle Rechte vorbehalten.

Wegen leichterer Lesbarkeit wurde auf Fußnoten verzichtet. Die Quellenangaben sind in der Reihenfolge der Zitate aufgelistet.

Quellen:

  1. Lachmann, Theodor: Überlinger Sagen, Bräuche und Sitten mit geschichtlichen Erläuterungen. Ein Beitrag zur Volkskunde der badischen Seegegend. Konstanz 1909
  2. Bohnstedt, Franz: Der Schloßbühl von Owingen. Eine unbekannte Burgstelle im Linzgau. In: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung. Band 79. Thorbecke 1961, S. 120 - S. 12
  3. https://burglichtenberg.pfaelzerbergland.de/sagen-und-legenden-der-vergrabene-schatz/ [Lesezeitpunkt: 15. Januar 2025]
  4. https://uni-tuebingen.de/universitaet/aktuelles-und-publikationen/pressemitteilungen/newsfullview-pressemitteilungen/article/universitaet-tuebingen-erhaelt-zentrum-fuer-burgenforschung/ [Lesezeitpunkt: 15. Januar 2025]
  5. https://www.landtag-bw.de/de/aktuelles/dpa-nachrichten/universitaet-tuebingen-beschaeftigt-sich-mit-burgenforschung-549312 [Lesezeitpunkt: 15. Januar 2025]
  6. Koch, Rudolf: Der Linzgau-Leuchtturm Hohenbodman. Burg - Schloss - Ruine - Aussichtsturm. Owingen 2019
  7. Lieb, Prof. Dr. Stefanie: Burgenromantik im 19. und 20. Jahrhundert. Im echten Styl der alten deutschen Ritterburgen. In: Https://www.wissenschaft.de/magazin/weitere-themen/im-echten-styl-der-alten-deutschen-ritterburgen/[Lesezeitpunkt: 15. Januar 2025]

Zur Wanderung: https://www.owingen.de/tourismus-freizeit-kultur/sport-spiel-grillplaetze/wandern#/article/a07ef876-4909-437e-a9af-be35dca35fb9

Der Fuhrmann und die Toten auf dem Totengässele bei Owingen

Sage in Versform

Die Pest hatte viele dahingerafft,
sie wurden auf den Friedhof geschafft
von Bambergen nach Owingen den Berg hinauf.
Da nahm das Wunder seinen Lauf,
denn ein Toter, der vom Karren fiel,
wachte auf in seltsamem Wechselspiel
und führte am nächsten Tag den Wagen.
Dem Fuhrmann jedoch ging es an den Kragen.
Der Wiedererstandene aber führte wacker
den toten Fuhrmann zum Gottesacker.

Gisela Munz-Schmidt

 

Sage im Originaltext

Von Bambergen führt gegen das Pfarrdorf Owingen ein ziemlich steiles Sträßchen, welches das „Totengässele“ heißt. Dieser Name stammt aus der Zeit, da die Pest hier herrschte. Damals wurden die Toten, welche herumlagen, hier haufenweis hinaufgeführt nach dem Friedhof in Owingen. Der Umherliegenden waren es so viele, daß man ohne weitere Untersuchung und ohne Sarg alle zusammen auf den Wagen lud und fortschaffte. Bei einem solchen Leichentransport fiel einmal einer der Aufgeladenen vom Wagen; der Fuhrmann, der es wohl bemerkte, aber nicht anhalten wollte, fuhr weiter mit den Worten: „ Den lassen wir liegen und nehmen ihn morgen mit!“ Der Herabgestürzte war aber nur scheintot, kam wieder zu sich, und am anderen Morgen war der Fuhrmann tot und wurde nun von dem Totgeglaubten, welcher jetzt dessen Stelle einnahm, mit den übrigen Leichen das Gässele hinaufgefahren.

Nach Anderen rührt der Name „Totengässele“ von einer Mordtat her. Oberhalb des Sträßchens steht ein verwitterter Stein, auf dem eine Scheere eingemeißelt ist. Er soll zum Gedächtnis einer Näherin, die vor vielen Jahren hier umgebracht worden, gesetzt worden sein und seither der Weg das „Totengässele“ genannt werden. (Mündlich.)

Theodor Lachmann

 

Moderne Fassung

Kurz ist die Sage: neun Zeilen lang. Doch wieviel Einblick in eine furchtbare Zeit beinhaltet der Text. Die Knappheit der Worte suggeriert die Eile. Fast scheint es, als ob der Erzähler befürchte, dass ihm nicht die Zeit bleibt, die Geschichte weiterzugeben.

Worum geht`s? Es wird erklärt, weshalb der steile Weg zwischen Bambergen und Owingen, in dem die Pfarrkirche steht, „Totengasse“ genannt wird: Demnach stammt der Name aus der Zeit, als die Pest am Bodensee herrschte. So sehr hatte die Seuche zugeschlagen, dass man die unzähligen Verstorbenen einfach zusammenkarrte, mit dem so beladenen Fuhrwerk über das „Totengässele“ zum Friedhof holperte und die Leichen anonym in einem Massengrab verscharrte. Einst fiel ein Totgeglaubter vom Wagen; doch der Kutscher wollte nicht anhalten und sagte nur: „Den lassen wir liegen und nehmen ihn morgen mit.“ Zu wem er diese Worte sprach, geht aus dem Text nicht hervor.

Der Verlorene war nur scheintot; der Fuhrmann jedoch hatte am nächsten Tag das Zeitliche gesegnet. Und so übernahm der vom Karren Gefallene - wie ironisch - einfach dessen Position.

Die Geschichte führt vor Augen, wie sehr die Pest gehaust hat: Der Wagen ist voll, der Fuhrmann unter Zeitdruck. Er kann nicht einfach halten und sich überlegen, wie er den hoch Infektiösen auf die Lade hievt. Wozu auch: Morgen wird er wieder unterwegs sein, um die nächsten Leichen ins Massengrab nach Owingen zu bringen. Der Job ist knochenhart und hochgefährlich. Es kommt, wie es kommen musste: er stirbt. Der Fuhrmann ist tot, es lebe der Fuhrmann.

Wann die Geschichte spielt, geht aus der Sage nicht hervor. Rund drei Dutzend Pestzüge belegt die Forschung allein für den Bodenseeraum und Oberschwaben zwischen 1348/49 und dem Dreißigjährigen Krieg. Und Peter Eitel schreibt: „Im deutschen Südwesten trat, soweit wir sehen, die Pest während des 16. Jahrhunderts sechsmal auf“.

Durchschnittlich alle zehn Jahre tauchte die Pest in Deutschland sowie im übrigen Westeuropa auf, bevor sie sich schlagartig in den 1720er Jahren mit einem letzten Ausbruch in Marseille, Südfrankreich, verabschiedete. Warum seither die Pest die Menschen nicht mehr geißelt, ist bis heute ungeklärt. Doch sie ist im Gedächtnis aller geblieben. Mit ihrem ersten Ausbruch seit Jahrhunderten veränderte sie ab 1347 die Gesellschaft, - mehr als alle anderen Seuchen wie beispielsweise die Pocken. Ungefähr jeder Dritte starb. Wen die Flöhe mit der Beulenpest infiziert hatten, der besaß eine 20-prozentige Chance, der Seuche lebend zu entkommen; die Lungenpest ließ selbst das nicht zu. Zwei bis acht Tage dauerte die Ansteckungszeit. Über 40 Grad hohes Fieber, Schüttelkrämpfe, Erbrechen, Gliederschmerzen, dunkle Flecken auf der Haut und schließlich ein extremes Anschwellen der Lymphdrüsen bis auf die Größe eines Apfels, die so genannten Pestbeulen, kennzeichnen die Krankheit.

Kaum jemand hatte Lust, sich um die Todgeweihten und die Verstorbenen zu kümmern. Aus diesem Grunde erhielten Ärzte, Scherer, Pfleger, Totenträger, Totengräber oder Totenwäscher „für ihre gefährliche und grauenvolle Arbeit hohe Belohnung“, schreibt Peter Eitel. Es erinnert an den Fuhrmann im Totengässele, wenn der Autor feststellt: „Unter den Totenträgern scheinen ausgesprochen asoziale und verrohte Menschen gewesen zu sein.“Christliche Beerdigungen fanden nicht mehr statt; es fehlte an Pfarrern, an Platz und an Zeit. Weil es mancherorts keine Priester mehr gab, wandten sich die Gläubigen zunehmend an Heilige, die nun als Mittler zwischen Himmel und Erde dienen sollten, besonders an Maria, Sebastian und an Rochus.

Vor allen Dingen in den dichten Städten wütete der Bazillus, gegen den es keinerlei Heilmittel gab. Wer es sich leisten konnte, floh aufs Land. Anordnungen, wie beispielsweise die 40 Tage dauernde Isolierung („Quarantäne“ - italienisch für die Zahl 40), wurden vielfach nicht befolgt. Man war dem Schwarzen Tod auf Gedeih und Verderben ausgeliefert.

Ein Zeugnis dafür bieten archäologische Funde im Jahre 2024: In Nürnberg wurde einer der größten Pestfriedhofe Europas entdeckt. Er stammt wahrscheinlich aus den 1630er Jahren und ist somit fast 400 Jahre alt. An manchen Stellen liegen Hunderte Skelette in mehreren Schichten in einem Grab. „Teilweise sind die Toten in ein Leichentuch gewickelt, teilweise nur in ihrer normalen Kleidung, die wurden da in Reih und Glied reingeschlichtet, möglichst platzsparend“, beschrieb Archäologin Melanie Langbein die Situation. Bis zu 300 Tote wurden pro Grab, eng gestapelt, bestattet; nicht, wie nach „christlichem Ritus eigentlich üblich, flach auf dem Rücken liegend und mit gefalteten Händen in Ost-West-Richtung vergraben. Sondern so, wie es gerade passte: Der Platz musste möglichst gut ausgenutzt werden, außerdem sollten die Leichen, die als ansteckend galten, so schnell wie möglich verschwinden. Kinder wurden teilweise in die Lücken zwischen Erwachsenen gepresst. Auf einer Teilfläche entdeckten die Experten sieben Schichten Tote übereinander“, berichtet spiegel.de.

Von einem solchen Massengrab erzählt auch ein Stein, der in Langenargen gefunden wurde. Seine Inschrift spiegelt große Trauer wieder: „Klag über Klag, 70 in einem Grab“.

Noch etwas offenbart uns „Das Totengässele bei Bambergen“: Mit Massenbestattungen ging die Angst einher, lebendig begraben zu werden. Besonders veranschaulicht dies die Tatsache, dass sich im bayrischen Tittmoning 1634 nahezu identische Geschichten wie im „Totengässele“ ereignen. Auch hier fallen Scheintote auf einer steilen Wegstrecke vom Pestwagen herunter und erwachen durch den Sturz aus ihrer tiefen Bewusstlosigkeit. Um zu verhindern, dass sie grausam im Grab starben, erhielten Aufgebahrte oder Bestattete manchmal eine Schnur in die Hand, um bei möglichem Erwachen an einem Glöckchen zu ziehen und auf sich aufmerksam zu machen.

Dass in Owingen einst - wie die Sage weitererzählt - möglicherweise eine Schneiderin umgebracht wurde (vielleicht sogar mit ihrer Schere), ist möglich. Doch es ist eher unwahrscheinlich, dass deswegen die Straße „Totengässele“ benannt wurde. Denn dieser Ausdruck kennzeichnete in aller Regel Wege, die zum Friedhof führten, so wie Lachmann es auch in seiner Sage „Die Deisendorfer Totengasse“ beschreibt.

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Wegen leichterer Lesbarkeit wurde auf Fußnoten verzichtet. Die Quellenangaben sind in der Reihenfolge der Zitate aufgelistet.

Quellen:

  1. Lachmann, Theodor: Überlinger Sagen, Bräuche und Sitten mit geschichtlichen Erläuterungen. Ein Beitrag zur Volkskunde der badischen Seegegend. Konstanz 1909
  2. www.landkreis-sigmaringen.de/de/Aktuell/Aktuelle-Meldungen/Aktuelle-Meldung [Lesezeitpunkt: 10. Juli 2024]
  3. Eitel, Peter: Studien zur Geschichte der Pest im Bodenseeraum unter besonderer Berücksichtigung der Konstanzer Pestepidemie von 1611. S. 57 - S. 89. In: Hegau. Jahrbuch 29/30, 1972/1973
  4. Naphy, William/Spicer, Andrew: Der Schwarze Tod. Die Pest in Europa. Essen 2006
  5. Ohler, Norbert: Sterben und Tod im Mittelalter. Düsseldorf 1990
  6. Thiel, Angelika: Thema und Tabu. Körperbilder in deutschen Familienblättern von 1880 - 1900 oder „Im Nebenzimmer ertönte eine bärtige Männerstimme“. Frankfurt am Main 1993, S. 229
  7. Https://www.erzbistum-muenchen.de/pfarrei/pv-tittmoning/cont/96785 [Lesezeitpunkt: 15. Januar 2025]
  8. Https://www.br.de/nachrichten/wissen/deutschlands-groesster-pest-friedhof-in-nuernberg-gefunden,U4pq90M [Lesezeitpunkt: 15. Januar 2025]
  9. Https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2024/03/archaeologie-deutschlands-groesster-pestfriedhof-ausgrabung-von-massengraebern-in-nuernberg [Lesezeitpunkt: 15. Januar 2025]
  10. https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/nuernberg-archaeologen-graben-riesigen-pest-friedhof-aus-a-f9f3ecbf-5327-49cf-b25f-df2cebc384b7 [Lesezeitpunkt: 15. Januar 2025]
  11. Endres, Josef: „Klag über Klag - 70 in einem Grab“. Zeugnisse und Berichte vom Wüten der Pest am Bodensee. In: Leben am See. Heimatjahrbuch des Bodenseekreises. 1987, Band V

Zur Wanderung: https://www.owingen.de/tourismus-freizeit-kultur/sport-spiel-grillplaetze/wandern#/article/a07ef876-4909-437e-a9af-be35dca35fb9