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Dritte Owinger Musiktage

Artikel vom 19.05.2020

Ein Blick ins Paradies: Traumhafte Musiktage

„Das unaussprechlich Innige aller Musik, vermöge dessen sie als ein so ganz vertrautes und doch ewig fernes Paradies an uns vorüberzieht, so ganz verständlich und doch so unerklärlich ist, be-ruht darauf, daß sie alle Regungen unseres innersten Wesens wiedergibt”, befand einst der Philo-soph Arthur Schopenhauer. Doch eher ist die Musik wohl der Weg, der uns einen Hauch vom Pa-radies vermittelt, dessen wir uns alle archetypisch zu entsinnen scheinen können und dessen Ver-lust uns schmerzhaft und sehnsuchtsvoll berührt.
Bei den 3. Owinger Musiktagen gelang es den Künstlern unter der Gesamtleitung Martin Pante-leevs, die Seele für einen kurzen Augenblick des Paradieses erinnern und sie zur Ruhe der Gebor-genheit kommen zu lassen. Dazu trug auch sein eigenes Stück „Archetypen” am ersten Abend bei, das das breite Spektrum menschlicher Emotionen in der spannungsgeladenen Taktart 7/8 atembe-raubend wiederspiegelte - vom Zweifel hin zur Verzweiflung, sich erlösend im Glauben. Die Körperlichkeit dieser Empfindungen unterstrichen Alexander Dimitrov (Cello) und Karol Nasi-lowski (Kontrabass), die mit ihren Instrumenten den Herzschlag, den Puls hörbar machten.
Zuvor hatten bereits Johann Sebastian Bachs „Konzert für zwei Violinen in d-Moll”, Richard Wagners „Siegfried-Idyll” und Pablo Sarasates „Zigeunerweisen” für Begeisterung beim Publi-kum gesorgt. Großartig das Violinkonzert in e-Moll Felix Mendelssohn Bartholdys, - weich, hin-reißend wiedergegeben von Vesko Eschkenazy auf einer Guarneri-des-Gesù-Violine von 1738, wie nie zuvor gehört. Pianistin Lida Panteleev, Martin Panteleev und die Streicher Lukasz Gore-wicz, Emilia Goch Salvador sowie Emanuel Salvador vom Baltic Neopolis Ensemble begleiteten den Ersten Konzertmeister des niederländischen Royal Concertgebouw Orchestra, das zu den besten Orchestern der Welt zählt, so harmonisch, so perfekt, dass es die Herzen anrührte. Noch heute greifen Violinisten wie einst der berühmte „Teufelsgeiger” Niccolò Paganini zu Instrumen-ten Guarneris - insgesamt hat er etwa 100 Geigen gebaut -, wenn sie den gefühlsstarken Ausdruck suchen: „Der Klang der Stradivari ist ausgeglichener. Der von Amati ist weicher, er erinnert mehr an die menschliche Stimme. Aber der von Guarneri beeindruckt mehr als die anderen”, sagt die italienische Geigenbauerin Elisabetta Giordano. Der Beiname „del Gesù“ wurde Giuseppe Guar-neri erst später gegeben, weil er seine Violinen mit dem Christusmonogramm IHS signierte. Und so verzauberte Vesko Eschkenazy, Bruder von Martin Panteleev, mit seinem Spiel ein frenetisch Applaus spendendes Publikum.
Liebeslieder standen am Samstagabend im Mittelpunkt. Etta Scollo lud die Zuhörerinnen und Zuhörer ein, „Sizilianische Träume” zu genießen, heiter, getragen, melancholisch, fröhlich, poli-tisch, begleitet vom Baltic Neopolis Ensemble. Temperamentvoll vermittelte die zierliche Künstle-rin die Dichtkunst der sizilianischen Volkssängerin Rosa Balistreris, „unserer Edith Piaf, unserer Maria Callas”, schwärmte die Künstlerin. „Sie war das Leben pur. Wenn sie lachte, lachte die ganze Stadt.” Auch Etta Scollo war ein Magnet des dreitägigen Konzerts im kultur|o. Aus Bayern kommend, nahm ein Ehepaar sogar die Anreise von zwei Stunden auf sich, um die Künstlerin in Owingen zu hören.
Mit Albioni, Torelli und Händel, aber auch Vivaldi stand der Sonntag im Zeichen des Barocks, jener Zeit, in der die Komponisten und Musiker vor allem menschliche Gefühle und Stimmungen ausdrücken wollten, so genannte „Affekte”. Dazu kam ein ganz besonderer Künstler nach Owin-gen: „Einer der weltbesten Trompeter, ein Weltstar” - mit diesen Worten kündigte Komponist und Geiger Martin Panteleev den „Zauberer der goldenen Klänge”, Vicente Campos, an. Und hatte noch untertrieben: Die Emotionen weckte Vicente Campos auf solch starke Weise, dass das Publikum auch zwischen den einzelnen Sätzen nicht an sich halten wollte, sondern seiner großen Begeisterung immer wieder Ausdruck verlieh.
Mit Mozart und einer Eigenkomposition Lida Panteleevs wandte sich der Spätnachmittag im kul-tur|o dem Klavier zu. Die Künstlerin hatte für ihren Mann ein „Liebeslied” geschrieben. „Sie ist eine begnadete Pianistin”, sagte Martin Panteleev und fügte seinen Worten eine Liebeserklärung hinzu. Wie recht er hatte, das zeigte die Musikerin mit ihrem Spiel auf dem Flügel, das honorier-ten die Zuhörerinnen und Zuhörer mit einem enthusiastischen Beifall.
Hatten die 3. Owinger Musiktage am Freitagabend mit Barock begonnen, so endeten sie am Sonntag mit der Romantik, die ebenfalls den gefühlvollen Ausdruck betonte. Martin Panteleevs Wiedergabe des Violinsolos „Meditation” aus Jules Massenets Oper „Thaïs” schmiegte sich in das Gehör, erquickte das Herz und legte sich wie Balsam auf die Seele.
Der Künstler dankte nach drei Tagen purer musikalischer Emotionalität dem Publikum für seine nicht enden wollende Begeisterung und stellvertretend für den Owinger Kulturkreis Andrea Benz. Sein Dank galt ganz besonders Bürgermeister Henrik Wengert und dem Gemeinderat, die die Veranstaltung auch für die nächsten zwei Jahre absicherten. Bei dieser Bekanntgabe brandete im Saal stürmischer Applaus auf. Die 4. Owinger Musiktage finden vom 5. bis 7. März 2021 statt.
Ohne Sponsoren wäre dieser musikalisch Hochgenuss nicht möglich gewesen. Der Kulturkreis dankt der EnBW Baden-Württemberg AG, den Innovendia Consulting Services, der KreditMa-nufaktur Bodensee, dem Planungsbüro Gfrörer, der Sparkasse Bodensee, Zahntechnik Weber sowie dem Ingenieurbüro Reckmann sehr herzlich.
Der Dank gilt ebenfalls Daniela Mayer, die sich mit Köstlichkeiten des leiblichen Wohls der Künstler annahm, dem Männerchor Owingen-Billafingen für die Bewirtung sowie Ton- und Licht-Techniker Klaus Stark und Julian Ehrlich für die tatkräftige Unterstützung.

Angelika Thiel
(Bilder: Klaus Schielke, Michael Steinwand)